Einbruch am Heiligabend
oder
Wie ein Irrer mein Weihnachten rettete
Es war Heiligabend. Und schon wieder kehrte ich in ein leeres Haus zurück. Ich war draußen spazieren, um die Tatsache, dass dieses Haus leer stand zu vergessen. Es war eisig kalt draußen, auch wenn es nicht schneite. Ich hatte gehofft, die Tatsache, dass es kalt war würde mich vergessen lassen, dass das Haus leer stand. Allerdings hatte es mir nichts genützt, außer, dass ich, halb erfroren, mich wie eine lebendige Tiefkühlpizza fühlte.
Meine Eltern waren weg. Wieder einmal auf Geschäftsreise. Am Heiligabend. Geschwister hatte ich keine und meine Freunde waren größtenteils bei ihren Großeltern oder sonstwo verreist. Also niemand da, bei dem ich diesen Frust vergessen konnte. Der einzige in unserer verschlafenen Kleinstadt, der noch hier blieb und ich kannte, war Daniel, mit dem mich gar nichts verband, außer, dass wir in die gleiche Klasse gingen.
Meine Eltern hatten versprochen spätestens am 26. wieder hier zu sein, doch ich wagte es zu bezweifeln. Nein, ich wagte es nicht, es zu erhoffen.
Es war vier Uhr. Was sollte ich tun? Ich entschloss mich schließlich vor dem Fernseher mich mit lauwarmer Mikrowellenpizza, Schoko-Weihnachtsmännern und Keksen vollzufuttern. Es liefen deprimierende Weinachtsfamilienfilme und schlecht inszenierte Bibelverfilumungen im Fernsehen. Wie erbärmlich.
Es wurde abends. Von den ganzen Keksen, der Pizza und der Schokolade ist mir schon sehr schlecht geworden. Im Fernsehen lief wieder so ein kitschiger Weinachtsfilm mit lächerlichen Elfen und Rentieren und so ein Kram. Ich hatte den Fernseher ganz leise gestellt. Meine Augen wurden schwerer und schwerer... mein Atem langsamer... ich wurde ruhiger...
Die Uhr tickte. Tick. Tick. Tick. Ich schloss die Augen. Die Geräusche um mich herum verschwammen zu einer einheitlichen Masse.
Ich war noch mitten in meinem wunderschönen Traum, an den ich langsam die Erinnerung verlor...
Ein seltsames Geräusch weckte mich. Anfangs dachte ich, dass es vom Fernseher kam, aber das war es nicht. Ich öffnete langsam die Augen. Gerumpel. „Autsch!“, rief jemand. Und dann kam noch leises Fluchen. Ich blinzelte. Die Farben und Konturen wurden mir deutlicher. Wer war hier im Haus? Etwa ein Einbrecher? Ich setzte mich schnell auf und folgte leise den immer lauter werdenen Geräuschen. Sie kamen von der Küche. Ein besonders kluger Einbrecher schien es ja nicht zu sein. Ich schlich mich vor die geschlossene Tür, unschlüssig, was ich tun sollte. Im Gang war auf einem kleinen Tisch eine Vase. Ich holte sie.
Mein Herz klopfte laut. Ich drückte die Türklinke herunter. Mein Herzklopfen wurde lauter und schneller. Ich riss die Tür auf. Und starrte einen alten Mann im Weihnachtsmannkostüm an.
Er starrte mich an und schrie kurz erschrocken auf. Ich zitterte und starrte ihn immer noch an. Der alte Mann war dünn und schien klapprig und alt. Er hatte kaum Haare und ein Weihnachtsmannkostüm an. In der einen Hand hielt er einen Müllsack. Ich klammerte mich an meiner Vase und richtete ihn drohend gegen ihn.
„Was wollen Sie hier bei mir zu Hause?“, fragte ich schließlich. Ich hatte mich wieder beruhigt und der alte Mann anscheinend auch.
Er sah mich zuerst etwas verdatert an, dann lachte er. „Ich bin der Weihnachtsmann, was sollte ich denn sonst hier wollen?“
Ich schnaubte. „Es gibt keinen Weihnachtsmann und wenn, sieht er sicher nicht so aus wie Sie.“
Der Alte lachte wieder. „Ach ja? Woher willst du das wissen? Nur weil mich jeder als dicken alten bärtigen Mann sehen?“
„Es gibt keinen Weihnachtsmann“, wiederholte ich.
„Hast du nie an mich geglaubt?“, fragte der Alte.
„Nein“, antwortete ich.
„Kein einziges Mal?“, fragte er und sah mich erwartungsfroh an.
Ich seufzte. „Nein“, wiederholte ich.
Der Alte sah mich auf einmal enttäuscht an. „Ach so...“
Weil er mir leid tat, wie er gerade betreten auf den Boden sah räusperte ich mich und sagte: „Na gut. Als ich vier war habe ich an den Weihnachtsmann geglaubt.“
Der Alte sah mich nun wieder hoffnungsvoll an. „Wirklich?“
Ich nickte.
„Das ist ja wundervoll! Dann kann ich dich also doch beschenken!“, rief er und kramte in seinem Müllbeutel herum. „Einen Moment“, murmelte er, „ich hab’s gleich... Hier.“
Er gab mir eine Sardinenbüchse, die zwar ungeöffnet, aber seit drei Jahren abgelaufen war. „Ähm, danke“, sagte ich unsicher und stellte sie auf die Küchentheke.
Die Vase, die ich immer noch in der Hand hatte stellte ich mit dazu. Ich war mir sicher, der Alte war verrückt. Irre. Verwirrt. Hielt sich wahrscheinlich wirklich für den Weihnachtsmann. Aber als ernste Bedrohung nahm ich ihn nicht mehr wahr. Unsicher sah ich ihn an. Anscheinend erwartete er etwas von mir.
„Wollen Sie Kekse?“, fragte ich, „und Milch?“
Die Miene des alten Mannes erhellte sich. „Kekse hätte ich gern! Wenn sie ohne Nüsse sind! Aber lieber keine Milch. Ich habe eine Laktoseintoleranz.“
Ich hob eine Augenbraue an. Ein Weihnachtsmann, der keine Nüsse und keine Milch verträgt? Dieser Alte war lächerlich. Und trotzdem ließ ich ihn die restlichen Kekse, die noch übrig geblieben waren essen und gab ihn statt Milch einen heißen Tee.
„Wieso sind Sie durch das Küchenfenster gekommen und nicht durch den Kamin?“, fragte ich, um ein Gespräch mit ihm anzufangen.
„Ach weißt du“, mampfte er, „ich habe Höhenangst. Außerdem ist es doch ziemlich aufwändig auf den Dach zu klettern, wenn man auch durch das Fenster – oder noch besser – durch die Tür kommen kann.“
Aha. Ein Weihnachtsmann mit Höhenangst, Nussallergie und Laktoseintoleranz. Ich verkniff mir einen Kommentar.
„Und wo sind Ihre Rentiere?“, fragte ich weiter.
Der Weihnachtsmann wurde plötzlich ganz still und sah traurig auf den Teller mit den Keksen hin.
„Ich... musste sie verkaufen“, sagte er so still, dass ich es kaum verstand und schluchzte. Unsicher tätschelte ich ihn auf die Schulter und gab ihn ein Taschentuch.
„D-danke“, weinte er und rotzte in das Taschentuch. „Meine Rentiere!“, heulte er, „sie waren so treu! Und nun... schon lange musste ich sie verkaufen, ich konnte kaum mehr für sie sorgen!“
Mann, was für ein Spinner! „Kommen Sie, im Wohnzimmer ist es viel gemütlicher“, sagte ich und führte ihn ins Wohnzimmer zum Fernsehsofa.
Er setzte sich zittrig. Eine Weile sagte keiner etwas. Ich wartete, bis der Alte sich wieder beruhigt hatte. Schließlich sah er mich an.
„Wo sind deine Eltern, Junge?“, fragte er.
„Auf Geschäftsreise“, antwortete ich.
„Am Heiligabend?“, rief er entsetzt.
Ich zuckte die Achseln. „Es ist wie jeder andere Tag auch. Es macht mir nichts aus“, log ich.
Der vermeindliche Weihnachtsmann schüttelte den Kopf. „Nein, nein. So geht das nicht. Weihnachten ist ein Familienfest. Dafür kämpfe ich doch die ganze Zeit!“ Er sah mich milde an. „Sind denn keine anderen Leute da in der Stadt, mit denen du Weihnachten feiern kannst?“, fragte er.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Meine Freunde sind alle im Urlaub. Der einzige der hier noch ist ist Daniel, aber ich kann ihn nicht leiden.“
„Daniel, sagst du? Wieso kannst du ihn nicht leiden?“, fragte er.
Da gab es mehrere Gründe. Ich könnte einen ganzen Tag damit verbringen sie aufzuzählen. Ich runzelte die Stirn. „Er ist arrogant“, sagte ich. „Er kommandiert andere Leute immer herum. Er versucht sich Freunde zu erkaufen. Er gibt immer mit seinen ach so guten Noten an. Er schleimt sich bei den Lehrern ein.“
Und natürlich gab es noch mehr Gründe, die ich aber gerade nicht nannte. Der alte Mann im Kostüm schwieg. Der Fernseher lief immer noch. Gerade lief eine Deo-Werbung. Es war schon nachts. Er gähnte und sah mich an.
„Würde es dir nichts ausmachen, wenn ich hier mich auf den Boden hinlege? Ich bin so müde nach dem ganzen Schenken und so.“
„Doch klar“, antwortete ich. Ich wusste, dass ich dumm war. Ich wusste, dass ich jetzt gerade einen fremden Irren gerade bei mir aufnahm. Mein großes Mitleid mit dem armen Kerl würde sich noch auszahlen, dachte ich, am nächsten Morgen würde ich wohl aufwachen und sehen, dass er alles geklaut hatte. Und meine Eltern würden mir zu Recht die Schuld geben. Und trotzdem ließ ich ihn auf dem Boden vor dem Fernseher schlafen. Ich schaltete den Fernseher aus und legte mich auf das Sofa. Schließlich schlief ich wieder ein.
Es war das Sonenlicht, das mich am nächsten Tag weckte. Der alte Mann war weg, doch es schien nichts geklaut zu sein. Ich entdeckte ein Stück Papier, das auf der Küchentheke neben der Sardinenbüchse, die der alte Mann mit Weihnachtsmannkostüm mir geschenkt hatte:
Mein lieber Junge,
Vielen Dank, dass ich bei dir sein konnte. Ich musste wieder
weiter. Ich hoffe es macht dir nichts aus, dass ich mir eine
Scheibe Brot und Wurst genommen habe und etwas Kekse.
Ich wollte nicht mit leerem Magen gehen. Ich denke, du wirst
doch dein kleines Weinachtsfest haben, auch wenn deine
Eltern nicht da sind. Ich habe großen Glauben daran.
Herzliche Grüße und viel Glück,
der Weihnachtsmann
Ich schüttelte den Kopf. Der Mann war verrückt. Ich war es auch, indem ich ihn Unterkunft gegeben hatte. Und doch... auch wenn mich eigentlich freuen müsste, dass der Alte wieder weggegangen war, spürte ich eine leise Enttäuschung. Er hatte mir Gesellschaft geleistet und mit ihm war mir wenigstens nicht langweilig. Ich lächelte und machte mir Frühstück. Es war der erste Weinachtstag. Und zum ersten Mal, war mir etwas weihnachtlich zu Mute, auch wenn keiner da war, um dieses Gefühl zu teilen. Ich beschloss nach dem Frühstück einen Spaziergang zu machen und ging also dick eingepackt (ich hatte von meiner Spaziergang-Erfahrung von Heiligabend dazugelernt) in die Kälte, die dieses Mal so willkommen war.
Die Sonne schien zwischen einigen Wolken, die aufgezogen waren. Bald würde es wahrscheinlich regnen. Ich ging durch die leeren leisen Straßen. Die Läden waren zu an Weihnachten. Keiner war da. Ich hielt die ganze Zeit nach irgendjemand Ausschau und ertappte mich, nach dem alten Mann zu suchen, doch er war nirgends zu entdecken. Ich ging zum Stadtsee, der gefroren glänzte. Einige glückliche Eltern mit ihren Kindern waren da. Ich war schon so lange nicht mehr mit meinen Eltern so zusammen. Ich beobachtete die Familien so lange, bis sie schließlich gingen und stand zum Schluss alleine da, die Lippen gefroren, die Hände in meiner Jacke geballt. Wieso konnte ich nicht solche Eltern haben? Wieso mussten sie der Arbeit immer Vorzug geben? Immer, wenn ich etwas mit ihnen unternehmen wollte, sagten sie nur: „Johannes, es tut uns leid, aber wir haben gerade so wenig Zeit für dich. Nächstes Wochenende machen wir was zusammen, versprochen!“ Und immer wieder brachen sie diese Versprechen. Oder telefonierten die ganze Zeit über. Meine weihnachtliche Stimmung war verschwunden. Sie winkte mir auch nur zu und ging.
Plötzlich hörte ich ein leises Schluchzen. ich fragte mich, wer das sein konnte, denn ich habe niemanden herkommen sehen. Ich folgte dem Geräusch, er führte mich unter einer Weide. Sacht schob ich die Zweige beiseite um zu sehen, wer unter der Weide weinte. Ein Junge, etwa genau so alt wie ich mit dunkelbraunen Haaren kauerte am Stamm des Baumes. „Hey“, sagte ich leise, „was hast du?“ Der Junge zuckte zusammen und drehte sich zu mir um, sodass ich erstmals sein Gesicht sehen konnte. Mir stockte der Atem. Er sah anders aus, wie er hier kauerte. Er war...
„Oh... Johannes“, sagte Daniel tonlos. Ich starrte ihn an. „D... Daniel?“, stotterte ich. Wir schwiegen und starrten uns an. Dieser Daniel, der vor mir kauerte war nicht der Daniel, den ich kannte. Nicht der, der arrogant und abschätzig auf andere herabblickte. Nicht der Daniel, der sich seine Freunde erkaufte. Nicht der Daniel, der andere herumkommandierte und sich bei den Lehrern einschleimte. Der Daniel, der vor mir saß, saß da wie ein Häufchen Elend.
Minuten vergingen. Der eisige Wind ließ mich frösteln. Schließlich setzte ich mich auf den kalten Boden. Daniel sah mich nicht mehr an. „Was machst du hier?“, brach ich schließlich das Schweigen. Zuerst sagte Daniel nichts. Ich befürchtete schon, dass er mir sagen würde, dass ich abhauen sollte, oder, dass es mich nichts anginge. Doch nichts davon geschah.
„Ich... bin einsam“, sagte er schließlich.
Ich wartete.
„Ich habe keine Freunde“, sagte er, „man kann mich nicht leiden, egal wie sehr ich versuche...“ Er brach ab.
Ich schwieg.
„Ich... meine Eltern haben gesagt, ich sollte doch Freunde nach Hause einladen“, erzählte er dann weiter, „aber ich habe keine!“
Seine Stimme klang verzweifelt, auch wenn er sosehr zu verschuchen schien, seine Stimme neutral zu halten. „Keiner interessiert sich für mich.“
War er doch mehr, als ein arroganter Idiot? War er vielleicht nur arrogant, um zu verbergen, wie verletzlich er war? Er kam mir in diesem Moment so verletzlich vor. Er zitterte und ich hatte ihn vorhin weinen gesehen. Wenn ich zurückdachte sah ich doch, dass er keine andere Chance hatte, als sich so zu verhalten, wie er sich verhielt. Jedenfalls, als er in unsere Stadt gezogen war. Er war neu, kannte kaum jemanden, während wir anderen uns seit Jahren kannten. Keiner hatte ihn anfangs beachtet...
Auf einmal tat mir mein ehemaliger Feind leid. Ich kannte ihn ja kaum... und jetzt...
„Hör mal, Daniel“, sagte ich.
Ich zögerte eine Weile. „Wieso lädst du nicht mich bei dir ein?“
Daniel sah mich verdattert an.
„Wir kennen uns kaum... und ich denke, normalerweise würdest du mich mit deiner Arroganz nerven“, sagte ich.
Daniels Augen weiteten sich. „Bist du dir sicher?“, fragte er.
Ich stand auf. „Komm steh auf“, sagte ich, „und zeig mir einfach wo du wohnst.“
Daniel starrte mich an.
„Bevor ich es mir noch anders überlege“, knurrte ich und er sprang auf, um mir den Weg zu zeigen.
Daniels Eltern waren nett und ich wusste bisher gar nicht, dass er eine kleine Schwester hatte. Ihr gegenüber und seiner Familie war Daniel ein komplett anderer Mensch. Er war ein netter großer Bruder für das kleine Mädchen und wie sich herausstellte sehr hilfsbereit. Ich fing schon an ihn zu mögen und musste plötzlich an den Brief des Alten denken. Ob er es von Anfang an gewusst hatte? Ich denke, es gibt keinen Weihnachtsmann, doch dieser verrückte alte Mann hatte mir etwas geschenkt, das ich mir wirklich gewünscht hatte. Mit jemanden Weihnachten zu teilen.
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